»Warte einen Moment, bitte ...«, flüsterte Claudia leise. Ihre Hand strich in alter Vertrautheit über seine Schulter. Verkrampft wandte er sich ab und antwortete,»Was willst du? Ich glaube du hast in aller Deutlichkeit gesagt was du willst und was du getan hast.«
» ... Und was denkst du?«, bohrte sie weiter. Er schüttelte den Kopf um im nächsten Moment seine Knöchel gegen die Wand zu schleudern. »Das wüsste ich selbst gerne, doch, im Moment, im Moment weiß ich es nicht.«
»Zu dumm.«, lächelte sie ihn unsicher an. Er zog sich sein Hemd aus und legte sich neben sie. Warf sich auf sie, gab ihr einen Kuss, fasste unter ihr Top. Gerade als sich seine Hand über den süßen Bauchansatz hinaufgetastet hatte, sprang er auf und spuckte ihr ins Gesicht.
»Etwa das geht in mir gerade vor ...«, flüsterte er. Sie nickte nur und wischte sich den Speichel vom rechten Augenlid. Er zog sich leise sein Hemd wieder an und stand auf.
»Verstehst du, verstehst du?«
»Nein.«
»Willkommen in meiner Welt.«
»I'm a loser baby, so why don't you kill me?«, raunzte Beck aus den billigen Sony-Ohrhörer.
»Gute Frage, warum nicht?«, raunte Norbert melancholisch in die kalte Abendluft. Er setzte sich auf den Bordstein in der Frömmelgasse und schloss die Augen und atmete tief ein.
Ich hasse den Herbst, dachte er. Vor drei Wochen war noch Sommer gewesen. Wie man das erkannte? Wenn man sich am Abend auf den Balkon setzte umgab einen wohlige Erleichterung nach einem Tag voller sengender Hitze. Nun umklammerte einen kalte Abendluft. Denn während jetzt die Sonne um jeden Grad über der 20-Gradmarke kämpfen musste, war es vor einiger Zeit noch ein Kampf gegen die 40er Marke gewesen.
Herbst ist widerlich. Soviel stand fest. Zuviel schlechte Erinnerungen während der kalten Jahreszeit gesammelt. Plötzlich setzte sich jemand neben Norbert.
Ein freundliches Gesicht strahlte ihn zwischen einigen rot gefärbten Strähnen an. »Herbst ist echt nicht meins. Dann wird’s wieder kalt, das spürt man am Abend.«
Norbert lächelte die Fremde an, »Ja genau. Einen Kaffee gegen die Kälte?«
»Besser a Bier.«, lächelte diese keck zurück.
»Der Norbert ist ein echter Idiot!«, brummte Gabriel und sah sich um. Es war deutlich dass er verzweifelt nach Zustimmung suchte. Diese sollte ihm auch gewährt werden. Sabrina und Michael nickten stumm und glotzten weiter auf den Bildschirm.
Singstar lud gerade und die Mikrofone lagen schon fest umschlungen in den Händen der Fast-Zwanziger. Plötzlich ratterte die DVD in dem schwarzen Gerät. Michael schüttelte resignierend den Kopf, »Ich hasse das Teil. Die geht langsam ein, die Playstation.«
Sabrina tauschte das Mikrofon gegen ein Glas des zuvor gemixten Vodka-Redbullgemisches, nahm bedächtig einen kleinen Schluck und ergriff das Wort, »Wo genau ist Norbert eigentlich?«
»Na wo wohl? Bei seiner Claudia schon wieder. Der ist doch dauernd mit dieser mysteriösen Gestalt unterwegs.«, knurrte Gabriel.
»Eifersüchtig?«, zwinkerte ihm darauf Michael zu.
Gabriel schüttelte nur den Kopf, »Hey, ich mein Freunde sind doch auch wichtig. Er könnte uns wenigstens mitnehmen wenn er etwas mit der Komischen unternimmt. Ich mein, wir kennen die ja nicht einmal...«
Sabrina nickte erneut, »Da hast Recht. Er hat sie uns noch gar nicht vorgestellt und das ist echt unhöflich. Ich mein wie er mit mir zusammen war hat er mich doch auch gleich vorgestellt...«
»Stimmt, worauf Gabriel dich ihm ausgespannt hat. Er muss darauf brennen uns seine neue Flamme vorzustellen. Also dem Typen der seine letzte Freundin ausgespannt hat und dessen besten Freund, der zufällig der eigene Bruder ist. Achja, ich hab noch seine Ex vergessen. Traumhafte Partie für eine junge Liebe.«, gab Michael zu bedenken.
In diesem Moment wollte Sabrina was einwerfen doch unterbrach sie Michael schnell, »Außerdem viel aus seinem Bett kommt er zur Zeit nicht. Der ist ganz schön mit ihr beschäftigt. Jedenfalls ächzt das Bett so als wäre er das.«
Die ehemalige Gespielin verzog das Gesicht, »So genau wollt ich das auch nicht wissen...«
»Herst, den Norbert sehen wir aber auch nicht mehr. Wann war der das letzte Mal da? Vor zwei oder vor drei Monaten?«, fragte Gabriel in die Runde. Sabrina zuckte nur mit den Schultern, »... wer?«
»Geh kommt’s, der is halt verliebt!«, verteidigte Michael seinen Bruder. "Ja, aber hin und wieder vorbeischauen, so wöchentlich, wäre schon drin. Was anderes kannst ma ned erzählen.«
»Ich sag’s da, der scheißt auf uns.«, bemerkte Gabriel ungewöhnlich erhitzt. »Verdammte Scheiße ja, ich kann auch verstehen warum! Wir sind doch alle drei eine Enttäuschung für ihn gewesen. Als erstes verlässt ihn seine Freundin, lässt einen aus der Clique über sich drüberrutschen und dann eröffnet ihm sein Bruder dass er dennoch mit eben diesem Typen befreundet bleiben will.«
Sabrina funkelte den ein Jahr Jüngeren böse an und verpasste ihm einen Faustschlag gegen den linken Oberarm. »Ich sag euch, lasst’s ihn jetzt einmal in Ruhe. Er wird sich schon beruhigen, wird über die jetzt hinweg kommen und wird dann sicher wieder mit uns sprechen. Ich mein, niemand kann ewig angfressen sein oder?«, versuchte Michael weiter zu beruhigen.
Sabrina zog die linke Augenbraue hoch, »Schon einmal was vom Gaza-Streifen gehört?«
»Wissen Sie was Sie getan haben?«, fragte der Mann im weißen Kittel. Norbert schüttelte nur den Kopf. Ungläubig starrte er auf seine Hände. »Ich weis gar nichts mehr! Was soll ich getan haben?«
Der Arzt wandte sich von seinem Patienten ab und flüsterte der Schwester etwas zu. Diese nickte nur und verschwand in einer der zahlreichen Türen im grell erleuchteten Flur. Norbert konnte es noch immer nicht glauben. Claudia war ... sie war nicht mehr.
Und es war seine Schuld. Er hatte sie getötet.
Norberts Mutter Simone zog sich den Rock über die Knie hoch und knöpfte ihn eilig zu. Es war spät, sie musste gleich los. Heute hatte sie doch tatsächlich das Glück mit ihrem Chef zum Essen ausgehen zu dürfen. Natürlich nicht nur sie zwei. Sie war zu einem der Geschäftsessen eingeladen worden. Eine große Ehre für sie als neue Anwältin. Es kam nicht oft vor dass Anwälte eingeladen wurden, die erst so kurz in der Kanzlei waren. Doch sie gehörte zu diesem exklusiven Klub.
Sie kämmte sich schnell die Haare und band sie zu einem Zopf. Die widerspenstigen Strähnen die sich aus der Ordnung herauskämpften zwang sie mit einer Haarspange zurück an ihren Platz.
Schnell noch den Blazer übergeworfen, in die Stöckelschuhe geschlüpft und die Strümpfe an den Strapsen festgemacht. Nun musste sie sich noch schnell verabschieden. Da es ein Geschäftsessen war, drückte sie ihrem Gatten Fred nur einen Kuss anstatt eines langweiligen Abends aufs Auge und spurtete zu Norbert.
Es war Zeit sich von dem Chaoten und der ominösen Claudia zu verabschieden. Es war ein Wunder dass er so schnell eine neue Freundin gefunden hatte. Sich so schnell von Sabrina zu lösen sah ihm gar nicht ähnlich.
Er war einfach nicht der Typ dafür. Und doch hatte der Kleine seinem Vater alle Ehre gemacht. Das nannte Simone echten Charme. So schnell, quasi noch in Trauer, eine neue zu finden.
Hoffentlich würde er nicht alles von seinem Vater übernehmen. Dieser elendige Schweinehund. Mit der eigenen Schwester betrogen werden, war nicht das amüsanteste Kapitel in Simones Leben.
Simone ballte kurz ihre Fäuste. Doch nicht zu fest, sonst würden noch die Nägel brechen. Was soll's, dachte sie. Ein kaltes Lächeln breitete sich auf ihren dezent mit Lippenstift bestrichenen Lippen aus. Die Anwaltsausbildung hatte sie so schon vor dem ersten großen Fall reich und den Bastard arm gemacht.
Die Mutter wusste dass ihr Sohn gerade mit seiner Freundin zu Gange war. Doch sie konnte es sich nicht verkneifen dennoch zu klopfen. Immerhin hatte sie die Neue in Norberts Leben noch nie gesehen. Die feinen Knöchel pochten gegen das Holz. Sie wartete kurz und riss die Tür auf.
Über was sich Norberts nackter Körper eben beugte raubte Simone den Atem. Sie konnte nicht glauben was sie sah. Geschockt schloss sie die Tür und sank in die Knie.
»Er hat es wohl nicht so gut verarbeitet wie Sie angenommen hatten.«, krächzte der alte Weißkittel und lehnte sich nach vor. Seine Hände hatten schon diese ekelhaften Altersflecke, dachte Simone.
»Sie meinen, er hat das alles getan, weil er nicht über die Trennung hinwegkam?«, fragte sie den Psychiater. Der alte Arzt nickte nur. »Wir nennen so etwas Schizophrenie. Nicht zu verwechseln mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Das Unterbewusstsein ihres Sohns scheint ihn in eine selbst bestimmte Welt gesetzt zu haben. Und dann hat er getan, was er eben getan hat.«
»Wie können wir ihm helfen?«, fragte Simone weiter. Der Arzt nickte, »Wir können ihm Medikamente geben. Doch ich glaube es wäre besser für seine Genesung wenn wir ihm die Wahl lassen, nur zum Schein, so dass er sich besser von seiner eingebildeten Welt verabschieden kann.«
Die Mutter nickte, »Gut, machen Sie es so.«
Norbert sah auf. Seine Augen waren von den vielen Tränen verquollen. Er konnte noch immer nicht glauben was ihm alle einreden wollten. Er schluchzte laut. Sein Körper bebte. Er würde es wohl nie glauben können.
Alles nur Einbildung. Sie hatten ihm versichert er würde sich nur alles einbilden. Claudia existiere gar nicht. Alles nur eine Einbildung. Würde er nur diese Tabletten nehmen würden alle Illusionen, alle eingebildeten Stimmen, Bilder und Gefühle verschwinden. Der Geschmack ihres Speichels, die sanfte flaumbesetzte Haut ihrer Wangen und die Ein-Millimeter-Stoppeln ihrer Intimrasur.
Alle diese "krankhaften" Einbildungen würden verschwinden.
Norbert sah sich seine Freundin an.
»Ich werde diese Tabletten nehmen und du wirst verschwinden.«, flüsterte Norbert. Claudia nickte nur, »Ich habe alles für dich getan. Ich habe dich aufgeheitert, ich habe mich um dich gekümmert und habe dir Kraft gegeben.«
»Ich bin wahnsinnig. Du bist nicht echt! Du bist nur ein Symptom einer Krankheit!.«, brüllte Norbert plötzlich.
Claudia schmiegte sich an seine Seite, "Nimm diese Tablette nicht. Ich würde verschwinden, du würdest mich töten. Ich will aber bei dir bleiben."
Der junge Mann riss sich los. »Ich nehme jetzt das Medikament. Ich liebe dich, aber ich liebe nur eine Einbildung. Es tut mir leid.«, sagte er nun mit ruhiger Stimme und griff nach der weißen Kapsel.
»Warte einen Moment, bitte ...«, flüsterte Claudia leise.
