»Du musst wissen, ich habe seit unserer Trennung mit vier Frauen geschlafen. Wenigstens wusste ich von einer den Namen. Bei keiner war ich nüchtern. Ich weis nur, dass ich die eine am Frequency Festival gehabt habe, die zwei nächsten habe ich am Rock am Ring Festival defloriert - wobei ... Seien wir uns ehrlich, wären zwei Jungfrauen für einen Dreier zu haben? Ja, Nummer vier war auf einer Heirat eines Freundes - diese Tschechinnen gehen ganz schön ab.«
Katrin sah Lukas traurig an und schüttelte still den Kopf. Ihm war das Schweigen ein Grauen, deswegen sprach er weiter: »Du musst wissen, vor der Festivalzeit stand es 1:0, nun steht es 4:1 für mich. Denn es geht nicht um Liebe, es geht auch nicht um Sex oder Nähe. Nur der Punktestand zählt.«
Lukas wachte aus seinem Tagtraum auf. Dann hätte sie wohl zu weinen begonnen, dachte der junge Unternehmer. Aber so wie er sie kannte, bissig und vor allem schlagfertig, hätte sie ihm wohl einen ätzenden Spruch ins Gesicht gespuckt. So in etwa wie: »Du musst wissen, meine Welt dreht sich seit unserer Trennung so unglaublich schnell weiter, aber wenigstens steht deine still.«
Es kam wie es kommen sollte. Irgendwann fragt sich der eine Partner in einer Beziehung ob dies nun alles gewesen sein sollte und daraus erwachsen Zweifel. Zweifel sind guter Nährboden für Verrat und darin gedeiht der schlimmste Schmerz.
Lukas schüttelte den Kopf. Mit einem großen Knall hatte ihre Beziehung geendet und die finale Explosion hatte ein Loch in sein Leben gerissen. Die Druckwelle sollte durch ihren Sog nicht nur ein Vakuum um mich erzeugen so dass keine tröstenden Stimmen zu mir durchdringen konnten, sie schleuderte auch alle Freunde von mir fort, überlegte der Verleger.
Na vielleicht sind sie bei ihr glücklicher, sagte er sich bitter während seine Zähne knirschend aufeinander rieben. Wenn es wenigstens nicht so weh tun würde! Doch das tut es. Zwar war der stechend grelle Schmerz einer dumpfen Trauer gewichen und so auch das tägliche Leben sehr angenehm geworden, aber die Einsamkeit zu überwinden schien dennoch unmöglich. Es gelingt mir einfach nicht die soziale Isolation zu durchbrechen, grübelte Lukas, was soll ich nur tun?
Um sich abzulenken griff er zu einem "Lustigen Taschenbuch". Die Geschichten aus Entenhausen konnten ihn aufheitern seitdem er lesen konnte. Wenigstens habe ich mir diese kindliche Begeisterung bewahrt, lächelte er.
Doch schon nach den ersten zwanzig Seiten legte er das bunte Büchlein bitter zur Seite. Donald und sein grausiges Leiden hatten ihm donnernd ins Bewusstsein gehämmert wovor er sich fürchtete: Ablehnung.
Der arme Donald, so überlegte Lukas, widmete sich Tag ein Tag aus Daisy, die vermeintlich Seine. Doch es brauchte nur so ein unverschämter Glückspilz und Angeber wie Gustav Gans vorbeischauen und schon verschwand diese Daisy zu dem Unsympathler, überlegte er weiter.
War das die tiefere Bedeutung der Disneycomics? Keine allzu hohen Ansprüche an die Liebe stellen? Ist die Symbolik hinter der Illustrierung des Federviehs tiefgründiger als geahnt? Stammt der Spruch: "Das Glück ist ein Vogerl." aus Entenhausen?
Wenn er sich über das Internet eine Freundin gesucht hätte, vielleicht eine Hendldame die am liebsten den ganzen Tag Glucke für ihn spielt, wäre seine Beziehung glücklicher. Da kam Lukas eine Idee. Er setzte sich zu seinem Acer-Laptop und machte zum vierten Mal den Persönlichkeitstest auf egoload.de. Fünf mal einen Link mit der Maus touchieren und schon weiß das Internet wie die Persönlichkeit aussieht. Wahnsinnszeiten in denen wir leben, merkte Lukas sarkastisch an.
Amüsiert überflog er die Zeilen. Ah, er sei also dieser Typ und ... Oh Überraschung, er solle über das Internet sein Glück bei der holden Weiblichkeit versuchen. Der Fachmeinung dieses Internetportals musste er sich wohl fügen, denn immerhin waren hier gleich acht Links zu anderen Partnervermittlungsseiten zu sehen. Und die mussten es doch wissen, oder?
Die Welt war nie vernetzter als heute. Die Menschen gaben nie mehr persönliches im Internet preis als heute und dennoch waren so viele Menschen einsam. Eigentlich traurig, dachte Lukas, Eigentlich auch wahnsinnig witzig!
Ich liebe Satire und Ironie, lachte der junge Verleger und dieses mal kam die Pointe der Ironie mit der zermürbenden Gewalt der Einsamkeit. Die eigentliche Schwierigkeit wird es nicht sein wieder jemanden zu finden, sondern jemanden zu vertrauen, sagte sich Lukas leise während er an Karl Kraus dachte:
»Der Teufel ist ein Optimist wenn er meint dass er den Menschen schlechter machen kann.«

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