Freitag, 18. April 2008

Nörgler

Nörgler: »Vernunft ist es, das ich in den Menschenkindern vermisse. Allesamt ein übler Haufen! Würde Verrat, Raffgier und Neid stinken, wäre unsere schöne Erde nur mit abgeschnittener Nase zu ertragen.«

Träumer: »Für eine jede Tat geschieht auch etwas Gutes! Hier halte ich es wie die östlichen Philosophen. Alles ist im Einklang mit der Welt und dem Kosmos. Und so erblüht für jedes Gräuel eine andere Schönheit auf dieser Welt.«

Blinder: »Also ich seh das anders ...«

Nörgler: »Ja! Komm mir du mit deinen Schönheiten die erblühen. Ein ganzes Feld könnte ich pflücken gehen für die Gräuel die mich nur gestreift haben. Komm, ernähr mir doch die Hungernden und komm, schütz mir doch alle Flüchtlinge mit deinen Schönheiten. Die östliche Philosophie ist es nicht die dir im Hirn spukt, der Dunst der kapitalistischen Maschinerie ist es! Was sagt uns die Volkswirtschaft denn? Nein, nicht dass wir alle reich werden können. Es gilt die anderen Tölpel zu überflügeln um auf deren Kosten Wohlstand zu mehren. Für jedes Gräuel auf der Welt platz einem anderen Bonzen die fette Wampe aus dem Hemd.«

Träumer: »Die freie Marktwirtschaft ist ein demokratisches System. Sie bemächtigt das Volk, den einzelnen Konsumenten, zu entscheiden welches Produkt sich durchsetzt. Die Gunst der Nachfragenden gilt es mit seinem Unternehmen zu gewinnen. So wird es am Ende nur der ehrenwerte Geschäftsmann zu etwas bringen! Warum sonst dort kaufen?«

Blinder: »Also ich seh das anders ...«

Nörgler: »Pa! Demokratisches System bedeutet einen mündigen Demokraten als Basis! Wo sind solche Menschen? Du wirst mir keinen finden. Vielmehr ist die freie Marktwirtschaft der groteske Auswuchs des modernen Moralexorzismus. Kunde und Unternehmer treiben sich gegenseitig die Bedenken aus. Soziale Verantwortung wird für beide ein Fremdwort.

Nein, der Markt erfordert die Härte um das Unternehmen wachsen zu lassen. Ohne die Freisetzung von den 2000 Arbeitnehmern würden wir untergehen. Was? Den Lohn erhöhen im Ausmaß der gewachsenen Inflation? Wirtschaftlicher Wahnsinn, das wäre ein Wachstumsstopp! St. ATX, meinen täglichen shareholder value gib mir heute!

Oh, nein. Etwas anderes kann ich mir nicht leisten. Ich, als einzelner Kunde, kann nichts gegen ein solch gewaltiges Unternehmen ausrichten! Verloren ist das bisschen Geld, dass ich für deren Produkte ausgeb, besonders in der schieren Masse der Käufer, also warum zögern?«

Träumer: »Also soll ich mich im schlechten Treiben der Welt verlieren?«

Nörgler: »Ja, denn alles andere ist Verschwendung von Kraft und Energie. Die dummen Idealisten sind mir ein Dorn im Auge. Ihr unwirkliches Streben für eine bessere Welt, ohne die Fakten sehen zu wollen, bereitet mir Brechreiz! Es gilt zu hinterfragen, zu wissen und zu verabscheuen. Handeln und das unausweichliche Scheitern bringen verzweifelte Agonie. Sinnentleertes Streben und zweckloses Strampeln nenne ich das.«

Blinder: »Also ich seh das genauso ...«

Samstag, 12. April 2008

Real Life 0.1 (2/?)

»Du musst wissen, ich habe seit unserer Trennung mit vier Frauen geschlafen. Wenigstens wusste ich von einer den Namen. Bei keiner war ich nüchtern. Ich weis nur, dass ich die eine am Frequency Festival gehabt habe, die zwei nächsten habe ich am Rock am Ring Festival defloriert - wobei ... Seien wir uns ehrlich, wären zwei Jungfrauen für einen Dreier zu haben? Ja, Nummer vier war auf einer Heirat eines Freundes - diese Tschechinnen gehen ganz schön ab.«

Katrin sah Lukas traurig an und schüttelte still den Kopf. Ihm war das Schweigen ein Grauen, deswegen sprach er weiter: »Du musst wissen, vor der Festivalzeit stand es 1:0, nun steht es 4:1 für mich. Denn es geht nicht um Liebe, es geht auch nicht um Sex oder Nähe. Nur der Punktestand zählt.«

Lukas wachte aus seinem Tagtraum auf. Dann hätte sie wohl zu weinen begonnen, dachte der junge Unternehmer. Aber so wie er sie kannte, bissig und vor allem schlagfertig, hätte sie ihm wohl einen ätzenden Spruch ins Gesicht gespuckt. So in etwa wie: »Du musst wissen, meine Welt dreht sich seit unserer Trennung so unglaublich schnell weiter, aber wenigstens steht deine still.«

Es kam wie es kommen sollte. Irgendwann fragt sich der eine Partner in einer Beziehung ob dies nun alles gewesen sein sollte und daraus erwachsen Zweifel. Zweifel sind guter Nährboden für Verrat und darin gedeiht der schlimmste Schmerz.

Lukas schüttelte den Kopf. Mit einem großen Knall hatte ihre Beziehung geendet und die finale Explosion hatte ein Loch in sein Leben gerissen. Die Druckwelle sollte durch ihren Sog nicht nur ein Vakuum um mich erzeugen so dass keine tröstenden Stimmen zu mir durchdringen konnten, sie schleuderte auch alle Freunde von mir fort, überlegte der Verleger.

Na vielleicht sind sie bei ihr glücklicher, sagte er sich bitter während seine Zähne knirschend aufeinander rieben. Wenn es wenigstens nicht so weh tun würde! Doch das tut es. Zwar war der stechend grelle Schmerz einer dumpfen Trauer gewichen und so auch das tägliche Leben sehr angenehm geworden, aber die Einsamkeit zu überwinden schien dennoch unmöglich. Es gelingt mir einfach nicht die soziale Isolation zu durchbrechen, grübelte Lukas, was soll ich nur tun?

Um sich abzulenken griff er zu einem "Lustigen Taschenbuch". Die Geschichten aus Entenhausen konnten ihn aufheitern seitdem er lesen konnte. Wenigstens habe ich mir diese kindliche Begeisterung bewahrt, lächelte er.

Doch schon nach den ersten zwanzig Seiten legte er das bunte Büchlein bitter zur Seite. Donald und sein grausiges Leiden hatten ihm donnernd ins Bewusstsein gehämmert wovor er sich fürchtete: Ablehnung.

Der arme Donald, so überlegte Lukas, widmete sich Tag ein Tag aus Daisy, die vermeintlich Seine. Doch es brauchte nur so ein unverschämter Glückspilz und Angeber wie Gustav Gans vorbeischauen und schon verschwand diese Daisy zu dem Unsympathler, überlegte er weiter.

War das die tiefere Bedeutung der Disneycomics? Keine allzu hohen Ansprüche an die Liebe stellen? Ist die Symbolik hinter der Illustrierung des Federviehs tiefgründiger als geahnt? Stammt der Spruch: "Das Glück ist ein Vogerl." aus Entenhausen?

Wenn er sich über das Internet eine Freundin gesucht hätte, vielleicht eine Hendldame die am liebsten den ganzen Tag Glucke für ihn spielt, wäre seine Beziehung glücklicher. Da kam Lukas eine Idee. Er setzte sich zu seinem Acer-Laptop und machte zum vierten Mal den Persönlichkeitstest auf egoload.de. Fünf mal einen Link mit der Maus touchieren und schon weiß das Internet wie die Persönlichkeit aussieht. Wahnsinnszeiten in denen wir leben, merkte Lukas sarkastisch an.

Amüsiert überflog er die Zeilen. Ah, er sei also dieser Typ und ... Oh Überraschung, er solle über das Internet sein Glück bei der holden Weiblichkeit versuchen. Der Fachmeinung dieses Internetportals musste er sich wohl fügen, denn immerhin waren hier gleich acht Links zu anderen Partnervermittlungsseiten zu sehen. Und die mussten es doch wissen, oder?

Die Welt war nie vernetzter als heute. Die Menschen gaben nie mehr persönliches im Internet preis als heute und dennoch waren so viele Menschen einsam. Eigentlich traurig, dachte Lukas, Eigentlich auch wahnsinnig witzig!

Ich liebe Satire und Ironie, lachte der junge Verleger und dieses mal kam die Pointe der Ironie mit der zermürbenden Gewalt der Einsamkeit. Die eigentliche Schwierigkeit wird es nicht sein wieder jemanden zu finden, sondern jemanden zu vertrauen, sagte sich Lukas leise während er an Karl Kraus dachte:

»Der Teufel ist ein Optimist wenn er meint dass er den Menschen schlechter machen kann.«