Sonntag, 21. September 2008

Geschichten aus der U1 - Studien und du

»Manche glauben man könne den sozialen Status an dem öffentlichen Verkehrsmitteln erkennen.«

»So ein Blödsinn!«

»Nein, im Ernst. Während die U1 der typischen Proletenschlauch ist, benützen fast ausschließlich Studenten die U2, die gediegeneren Leute die U4 und der Durchschnitt die U3.«

»Ja, genau ... Und was ist mit der U6?«

»Muss man den wirklich erklären welche Art Leute in der U6 sitzen? Die startet in Floridsdorf!«

»Das heißt gar nichts!«

»Doch, da sind einige soziologische Studien dahinter.«

»Hast du gewusst, dass es Studien in Österreich gibt, das hier überdurchschnittlich viele Deppen zuhause sind, die blindlings "wissenschaftlichen" Studien glauben?«

»Nein, echt? Erzähl …«

Samstag, 20. September 2008

Geschichten aus der U1 - Früher oder Später

Noch im Lachen steckte Bitterkeit, noch im Glückwunsch Gewalt und noch im Händedruck Hass.
So läuft es ab wenn sich Früher und Später begegnen. Evolution sagt dem Mann Besitz zu verteidigen und was nennt er lieber sein Eigen als die Zuneigung einer Frau?

Zornig blitzte Später Früher zu, während dieser aus der Position des Freundes herausgrinste. Dies war kein offener Kampf. Dies war nicht mit Bewegen und Schießen zu gewinnen. Tückisch und ohne Vorankündigung konnte er angreifen, unterstützt durch schwere Artillerie, die Erinnerungen an Früher.

Doch Später fürchtete sich nicht und Früher hatte noch lange nicht aufgegeben.
Dass sie dabei nur nicht auf den Ausgangspunkt vergessen.

Donnerstag, 18. September 2008

Geschichten aus der U1 - Vergessen

Im fahlen Licht der U-Bahn stierte Willhelm ins Dunkel der Fensterscheiben. Seine Schuhe knarzten wenn er die Füße hob, da der Boden mit all seiner Kraft daran kleben bleiben wollte.

„Was mache ich hier?“, grübelte er laut vor sich hin.

Dann kam er zu sich. Leute die ihn so hörten mussten ihn für verrückt halten! Nervös schaute er sich um. Doch es war kein Mensch da, der sich wundern konnte. Es war kein Gesicht da, welches zu einer angewiderten, neugierigen oder mitleidigen Fratze verzogen war. Sein Blick wanderte über verwaiste Sitzreihen. Ganz weit weg saßen vereinzelt ein paar Menschen. Sie unterhielten sich leise.

„Wo bin ich hier?“, fragte er die Einsamkeit. Er war sich sicher, dass ihn nun niemand mehr hörte und dass er sich selbst für verrückt hielt tat nichts zur Sache. Immerhin konnte er selbst wählen, wem er von sich erzählte.

Willhelm sah wieder aus dem Fenster. Draußen wurde es hell. Er hatte den Tunnel wohl verlassen. Wurde es Tag oder Nacht? Er saß hier in der U-Bahn. Aber wo fuhr er hin? Wen kümmerte das?

Dann kam endlich eine Station. „Kagran“

Draußen wartete eine Heerschar an Menschen. „Anscheinend wird es Tag“, kommentierte Willhelm die Lage.

Da die Frage der Tageszeit geklärt war, widmete er sich existentielleren Fragen: „Wer bin ich?“

Außer dem Fauchen der Hydrauliktüren war nichts zu hören. Die Maßen strömten an ihm vorbei, nahmen kaum Notiz von Willhelm. Ein paar wenige warfen ihm einen kurzen mitleidigen Blick zu. Lärm füllte den Wagon.

„Was stimmt nicht mit mir?“, fragte Willhelm in den Strom. Außer Umgebungslärm kam nichts zurück.

„Wer bin ich?“

Als bereits die letzten Fahrgäste hereinplätscherten, brach ein junger Mann aus dem gesichtslosen Brei hervor: „Ein Sandler! Das bist du! Und jetzt schau, dass du weiterkommst!“

„Ah, süßen Vergessen …“, rülpste Willhelm nickend als er das nächste Bier aufmachte.

Montag, 15. September 2008

Zyniker

Zyniker, ein Mensch der unangenehmen Sorte, entschied sich dafür an einem kühlen Montagmorgen einen Spaziergang zu wagen. Während er die belebte Straße herunterschlenderte, stach ihm einer der vermeintlichen Weltverbesserer, im Volksmund Keiler, ins Auge. Doch damit nicht genug, der Keiler sprang auf den Zyniker zu und eröffnete das Wortgefecht mit einem Schnellfeuer: "Hallo, ich bin der Tom! Möchtest du nicht etwas für die Menschen tun? Es ist ganz leicht!"
Der Zyniker sah den jungen Burschen kurz ins Gesicht und erwiderte harsch, "Ja, ich weiß. Aber hierzulande gehe ich dafür ins Gefängnis."
Sichtlich über die Antwort verwirrt, entschied sich der Keiler dafür sich später zu wundern und fuhr mit seinem Programm fort: "Nein, hier doch nicht. Alles was du zu tun brauchst, ist hier zu unterschreiben. Für nur zehn Euro im Monat hilfst du beim Bau eines Brunnens in Nordafrika."
Zyniker überlegte kurz. Was sollte er antworten? So tat er es dem Keiler gleich und blieb beim Standardprogramm: "Ja, sagen Sie mir, wie viel verdienen Sie und wie viel meiner zehn Euro gehen in den Erhalt Ihresgleichen?"
Doch auch darauf wusste der Keiler eine Antwort: "Ach, nicht genug, so leid mir das tut. Würde viel von den zehn Euro für uns abfallen müssten wir kaum an so einem Tag in der Kälte stehen. Was meinst du? Zehn Euro sind hier nicht viel Geld aber dort ein Vermögen. Es ist ganz leicht zu helfen."
Nickend bestätigte der Zyniker: "Ja, zehn Euro sind wirklich nicht viel, dafür bekomme ich gerade eine Wurstsemmel.“
Der Keiler setzte ein vor Freude überquellendes Lächeln auf, "Ich dachte mir gleich, dass du dich für Afrika interessierst …“
Zyniker unterbrach ihn, "Gehen wir davon aus, ich würde mich für Afrika interessieren, nur für einen Moment, dann wüsste ich wohl das gerade der Norden - abgesehen von den Tourismusfleckchen - ein vom Krieg gebeutelter Teil der Erde ist.
Nehmen wir an ich wüsste das und währe dafür ihnen neben der Grundversorgung mit automatischen Waffen auch Wasser zu ermöglichen, was passiert mit meinem Geld? Es durchläuft mehrere Ebenen. Zu aller erst verschwindet hier auf verschiedenen Kanälen Geld und gelangt in die falschen korrumpierten Hände.
Nehmen wir an ich wäre so naiv und ginge davon aus, dass sich niemand - auch Sie sich nicht - mein Spendengeld unter den Nagel reißt, würde das Geld dort doch bei einem Warlord verschwinden.
Nehmen wir an dieser Warlord würde nicht das ganze Geld für sich beanspruchen und zulassen, dass ein Dorf einen Brunnen erhält, dann würden die so überlebenden Kinder in der Militärmaschinerie der Kindersoldaten verschwinden, damit der besagte Warlord seine Zwistigkeit mit anderen lokalen Kriegsherren austragen kann.
Gehen wir davon aus, dass die Kinder doch nicht als Mittel eines lokalen Warlords missbraucht werden und auch nicht die Franzosen, die Chinesen oder eine andere Kolonialmacht sie für Stellvertreterkriege instrumentalisiert, was erlangen sie außer einem Stückchen mehr Abhängigkeit von reichen Ländern?
Ich glaube am meisten ist den Menschen geholfen, wenn die reichen Supermächte ihre Restbestände der veralteten ABC-Waffen an eine Partei der Warlords abtreten. Somit wäre das Gleichgewicht der Gewalt zerschlagen, die Störenfriede tot und die so entstehenden afrikanischen Nationen hätten genug militärische Macht um ausländischen Okkupanten gefährlich werden zu können. Damit wäre das Ausbeuten ein Stück uninteressanter, da es riskanter für Anleger werden würde.
Ich glaube das wäre das Beste, was der reiche Westen tun kann. Er sollte Bomben gegen Frieden tauschen."
Ohne ein Wort des Abschieds wandte sich Zyniker wieder der Straße zu und ging. Er liebte solche Montagmorgen.